Freiheitliche Partei Deutschlands

Der Westen muß umdenken

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von Dr. Johannes Hertrampf

„An Deutschland darf Europa nicht scheitern!“, so H.-D. Genscher im Willy-Brandt-Haus am
1. November 2012 in Berlin, unter zustimmendem Kopfnicken der SPD-Führung. Man schwört sich gegenseitig vor der Bundestagswahl auf die politischen Gemeinsamkeiten ein und damit auf die allseitige Koalitionsfähigkeit. Doch das, wovor Genscher warnt, tritt genau ein, denn wenn Deutschland nicht die Schulden aller anderen EU-Länder schultern kann, dann scheitert endgültig das EU-Europa. Genscher hat keinen tiefen Einblick in die Geschichte, wenn er Deutschland die Schuld an der Misere Europas im zwanzigsten Jahrhunderts gibt.

Die Unfähigkeit der alten Welt, eine neue Perspektive zu entwerfen und die Kräfte entsprechend umzuorganisieren, mündete in gewaltigen Zerstörungen. Deutschlands negative Rolle im zwanzigsten Jahrhundert resultiert daraus, daß es keine Anstrengungen gemacht hat, aus dem alten System auszusteigen. Deutschland fehlte im zwanzigsten Jahrhundert der Aufbruch in die neue Zeit. Und damit konnte es nicht nur keine impulsgebende Rolle in Europa spielen, sondern wurde sogar zum Auslöser gewaltiger Zerstörungen. Die Frage ist nicht, ob Deutschland für eine Pionierrolle bereit ist in Europa, ob es das will, sondern ob Deutschland fähig ist, eine solche Rolle zu spielen. Diese Fähigkeit besaß es weder im zwanzigsten, noch ist erkennbar, daß es bisher über diese Fähigkeit im einundzwanzigsten Jahrhundert verfügt.

Die Frage ist, wie kann es diese Fähigkeit erlangen? Wie kann es sich in diese Verfassung bringen?
Überall auf der Welt geraten die Politiker in zunehmende Zwänge. Nirgends finden wir eine Gesellschaft, in der sich die Bürger mit ihr identifizieren. Am ausgeprägtesten ist dieser Mißstand in den technisch fortgeschrittenen westlichen Industriestaaten, die in technisch-wissenschaftlicher Hinsicht das Höchstmaß der zivilisatorischen Errungenschaften verkörpern. Leider muß man feststellen: Das hervorstechendste Merkmal ist heute ihre wirtschaftliche Stagnation und ihre mangelnde Anziehungskraft in der Welt, vielfach sogar eine offene Feindschaft, die ihnen entgegen schlägt. Mit hoher Dynamik sitzen ihnen die Schwellenländer (BRICS-Staaten) auf den Fersen und weit abgeschlagen folgen die sogenannten Entwicklungsländer, die sich noch nicht aus den Zwängen der Industrieländer befreien konnten und keine selbständige, autochthone Entwicklung nehmen. Gegenwärtig ist es so, daß die westlichen Industriestaaten sich immer mehr mit falschen Zielen blockieren und in nicht allzu ferner Zukunft von den Schwellenländern überflügelt werden. Schon heute bestimmen die Schwellenländer das Wachstum der Weltwirtschaft und die Industriestaaten sind froh, daß sie von deren Aufschwung profitieren können. Alles deutet daraufhin, daß das Gewicht der Schwellenländer und damit ihr Einfluß auf das Weltgeschehen schneller wächst als von den westlichen Zukunftsforschern vorausgesagt wird. Damit wird das Antlitz der Welt ein grundlegend anderes. Mit dem wirtschaftlichen Schwergewicht verschiebt sich auch das militärische Schwergewicht. Die militärtechnische Dominanz des Westens verschwindet. Die Zeit der Vorherrschaft der westlichen Zivilisation ist abgelaufen. Der Boden, auf dem sie steht ist hohl und brüchig. Die Menschheit gerät in ihre größte Umbruchsituation.

Aber ist es schon ein Umbruch oder ist es nur eine Zerrüttung? Welche Impulse sind aus dem gegenwärtigen Vorgang für die Entwicklung der Menschheit zu erwarten? Die Schwellenländer und noch mehr die Entwicklungsländer haben einen riesigen materiellen und kulturellen Nachhole-bedarf, den sie im Rahmen der zivilisatorischen Bedingungen befriedigen können. Der Druck der Völker auf diese Regierungen ist enorm, weshalb diese Länder sich nicht auf die nachzivilisatorische Erneuerung ausrichten können. Bleibt aber die Tendenz der anachronistischen Wirkrichtung der westlichen Welt und die Aufholjagd der Schwellen- und Entwicklungsländer erhalten, so wird der Zustand der Weltgesellschaft zwar geändert, aber die Menschheit schiebt den technisch bedingten Umbruch weiter vor sich her. Die Hauptprobleme, an denen heute die Welt leidet, müssen sich folglich zwangsläufig verschärfen und damit bahnt sich ein Konfliktpotential an, das in dieser Dimension in der Weltgeschichte noch nie bestanden hat – Trinkwasser- und Rohstoffmangel, Umweltzerstörung und Massenerkrankungen, was zusammengenommen auf eine Selbstzerstörung der Menschheit hinausläuft. Jede Naturkatastrophe zeigt schon heute, der Hurrikan „Sandy“ in den USA bestätigt das, wie erschreckend die Hilflosigkeit ist. Die technischen Systeme sind störanfällig. Havarien lösen chaotische Zustände aus. Die betroffenen Menschen sind wehrlos und geraten ins soziale Abseits. Für die Masse der Menschen wird das Leben unsicherer.

Der Grund für diesen desolaten Zustand der Welt liegt in der westlichen Zivilisation, in der Borniertheit der westlichen Industriestaaten, die von ihren alten Maximen nicht lassen können. Dadurch wird die Beibehaltung der Zivilisation zu einer großen Menschheitsgefahr. Die westliche Welt ist einerseits ein großer Unruheherd und andererseits ein Ballast der Menschheit, der gewaltige Ressourcen verbraucht, von dem aber keine zukunftsweisenden, produktiven Impulse ausgehen. An die Adresse der westlichen Welt muß sich deshalb der Vorwurf richten, nicht an den Rest der Welt mit seinen großen Nöten. Zweifellos stimmt es, daß manches, was da geschieht, der Zukunft nicht hilfreich ist. Die jahrhundertelang aufgestaute Wut, die sich die Zerstörung der alten Welt auf die Fahnen geschrieben hat, ist kein Ausweg.

Die westliche Welt braucht ein neues Geschichtsverständnis. Ihr Vorsprung auf technisch-wirtschaftlichem Gebiet und hinsichtlich der Vielfalt und Menge an Konsumgütern wurde möglich durch einen rigorosen Raubbau an den natürlichen und menschlichen Weltressourcen. Insofern gehört dieser Vorsprung nicht den Völkern der westlichen Welt allein, sondern ist ein Gut der ganzen Menschheit, auf das alle Menschen ein Anrecht haben. Dieses Gut ist also kein Vorrecht des Westens, sondern es ist ein Allgemeingut. Und das bedeutet, daß die Völker der westlichen Welt der Menschheit rechenschaftspflichtig sind, wie sie ihren Vorsprung nutzen. Sie müssen offenlegen, wie sie mit diesem teuer erworbenen Schatz umgehen. Sie dürfen nicht nur ihr Interesse im Auge haben, sondern müssen dem Fortschritt der ganzen Menschheit dienen. Der Vorsprung verpflichtet sie also, denn es ist ein Vorsprung, für den andere Völker größte Opfer erbracht haben. Dieser Verantwortung wird die westliche Welt nicht gerecht und stößt mit ihren Herrschaftsallüren die anderen Völker vor den Kopf. Sie trachtet danach, den Abstand zu halten und sieht in den anderen Völkern und Staaten lästige Konkurrenten. Sie will die überkommenen Privilegien erhalten und nicht überwinden.

Die Überwindung des Abstands ist nicht möglich, indem die Völker so werden, wie die westliche Welt heute ist, sondern indem der Menschheitszustand generell verändert wird. Es muß eine Metamorphose stattfinden von der gespaltenen Welt, in der die einen auf Kosten der anderen einen Vorsprung gewannen, zu einer Welt, in der jeder aus dem Kontakt mit dem anderen seinen Vorteil hat.

Aus diesen Überlegungen ergibt sich, daß die Hauptverantwortung für den gesellschaftlichen Wandel bei der westlichen Welt liegt. Dafür muß sie ihre materiellen und geistigen Ressourcen einsetzen. Doch die heute Regierenden lehnen diesen Wandel ab. Sie nutzen weltweit alle verfügbaren Ressourcen, um ihn zu verhindern.

Ein solches reaktionäres Verhalten ist nicht neu. Zu allen Zeiten schürten die Herrschenden das Vorurteil, daß sie auserwählt seien, das Volk zu führen. Selbst die Religionen spannten sich in diesen Kult ein, indem sie streng zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt unterschieden. Die weltlichen und die religiösen Führer stimmten überein, wenn sie dem Volk die Fähigkeit absprachen, die Welt zu verändern. Das Volk sei nicht fähig, das Notwendige zu erkennen. Und wurden die Zustände unerträglich, dann mußte das Volk eine neue Führung bekommen, da es angeblich unfähig war, von sich aus das Richtige zu tun. Auch diejenigen, die sich gegen die Knechtschaft auflehnten, glaubten an den Führermythos, aus dem sie neue Herrschaftsstrukturen konstruierten. Es schien selbstverständlich zu sein, daß das Grundmuster der gesellschaftlichen Organisation unverändert blieb. Das Herrschaftsprinzip war zu jeder Zeit das dominierende Organisationsprinzip der Zivilisation, so daß der Zweifel daran im Widerspruch zum gesunden Menschenverstand zu stehen schien.

Wer sich zur bevorstehenden Zäsur bekennt, muß jedoch diesen historischen Sachverhalt in Zweifel ziehen. Das hat zur Folge, daß in geistiger Vorwegnahme die Metamorphose nicht auf alte Weise erfolgen kann, denn Herrschaft gebiert Herrschaft und das um so mehr, je mehr die Idee sich als Illusion erweist. Und das ist symptomatisch für alle Zukunftsbilder, die unter Herrschaftsbedingungen entwickelt werden. Noch nie wurden Visionen erzeugt, die im Nachhinein realisiert wurden. Die Ideale beflügelten zwar die Menschen, aber die folgende Wirklichkeit stimmte mit ihnen nicht überein. Auch Gewalt half da nicht. Die Wirklichkeit bewegte sich nach eigenen Gesetzen. Diese Erkenntnis ist bei dem bevorstehenden Umbruch zu beachten. Entscheidend sind nicht die Visionen, entscheidend ist, daß dem Gesamtsubjekt Handlungsfreiheit geboten wird, damit es den richtigen Weg finden kann. Wir brauchen also keine genialen Voraussagen künftiger Beschaffenheiten, sondern Handlungsfreiheit. Der Mensch kann niemals die Zunft konkret voraussagen, er kann aber aus der Untersuchung seiner Geschichte herausfinden, nach welchen Maximen er sein Handeln organisieren muß.

Überblickt man die gesamte Menschheitsgeschichte, so lassen sich vier Maximen herauslesen, die in steigendem Maße das Handeln der Menschen bestimmten.

1.Die nationale Organisation. Mit ihr schufen sich die Menschen einen Verbund, der ihre Wirksamkeit gegen äußere natürliche und menschliche Einflüsse erheblich steigerte, ja ihr Überleben überhaupt erst ermöglichte. Entgegen aller gegenteiligen Behauptungen, wonach das Nationale überholt sei, wird es vielmehr die Organisationsform der Menschen sein, den Umbruch in einen neuen Entwicklungsabschnitt zu vollziehen.
2.Die freie Individualität. Bemißt man die Dynamik danach, wie viele Ereignisse in einer bestimmten Zeitspanne stattfinden, so war der Übergang zur Zivilisation auf Grund der schnellen Arbeitsteilung in geistiger und praktischer Hinsicht ein kolossaler Entwicklungssprung, denn Arbeitsteilung bedeutete ein höheres Maß an individueller Differenzierung. Die Geschichte belegt nicht die Auffassung, wonach der Mensch in der höheren Arbeitsteiligkeit individuell verarme.
3.Die natürliche Aneignung. Menschlicher Fortschritt war zugleich auch eine Erweiterung der Naturbeziehungen des Menschen. Je tiefer er in einen Bereich eindrang, desto breiter waren die Auswirkungen auf andere Bereiche, einschließlich seiner selbst. Nicht die Natur, sondern der Mensch schuf sich seine Überraschungen selbst, insofern er den natürlichen Gesamtzusammenhang außer Acht ließ. Er läuft also Gefahr, daß er in den Folgen seiner Werke tödlich versinkt.
4.Der technische Fortschritt. Dieser ist zwar eine kausale Kette, d.h., jede Wirkung wird zum neuen Grund, der stets auf die Bedürfnisse der Menschen zurückzuführen ist. Der technische Fortschritt ist kein Moloch, der dem Menschen eine eigene Richtung vorgibt, sondern er folgt den Ansprüchen seiner Nutzer. Aber man muß feststellen, daß dieser Zusammenhang zwischen technischem Fortschritt und Nutzerbedürfnis vermittelt war durch das egoistische Interesse einzelner. Dieses steuerte die Richtung und das Tempo, auf Kosten der Rationalität des Fortschritts. Aber generell galt auch unter diesen Bedingungen, daß der technische Fortschritt grundlegend dem sozialen Bedürfnis folgte.

Mit dem Übergang in die nachzivilisatorische Ära wird das Wirken der spontanen Natur im menschlichen Umfeld überwunden. Mit der „Zweiten Schöpfung“ (Haverbreck) verläßt der Mensch nicht die Natur, sondern er wiederholt sie in einer Weise, die unabhängig von ihm nicht existiert. Es ist der Übergang vom spontanen zum bewußten Umgang mit der Natur. Damit eröffnet er die dritte Stufe seines Umgangs:
– erstens die empirische Nutzung der gesetzlichen Zusammenhänge im vorhandenen Gleichgewicht
– zweitens die wissenschaftliche Nutzung der gesetzlichen Zusammenhänge bei Herstellung neuer
Gleichgewichte und schließlich
– drittens die Herstellung von harmonischen Beziehungen in seinem natürlichen Umfeld, die Harmonie als Sonderfall des Gleichgewichts.

In dieser dritten Form ist der Gegensatz des Menschen zur Natur aufgehoben. Zwischen Mensch und Natur besteht ein partnerschaftliches Miteinander. Er ruft nicht „feindliche Wirkungen“ hervor, weil er sie nicht einseitig nutzt, sondern es ist eine wechselseitige Ergänzung.

Wer ist aber dieses besondere Subjekt, das zu einem solchen Tun fähig ist?
Die Antwort darauf: es ist die Bürgergemeinschaft, die sich auf den neuen technischen Typ stützt.

Ein solcher Umbruch ist nur einer freien Bürgergesellschaft möglich, durch einen neuen Typus von Volkssouveränität, die an die Stelle der alten Steuerinstrumente ihren Willen setzt. Das bezieht sich auf alle Bereiche der Gesellschaft, vor allem auch auf die technischen und wirtschaftlichen Entscheidungen. Diese Volkssouveränität ist der Schlüssel, um überhaupt Zugang zu neuen Inhalten zu finden. Es verhält sich hier wie beim Umgang mit der Natur. Ohne entsprechende Technik bliebe uns die Natur verschlossen, ein unlösbares Rätsel. Und analog kann man sagen, ohne entsprechende Sozialtechnik kann der Mensch nicht seine natürliche Funktion erkennen und wahrnehmen. Wie gesagt, niemand kann die neue Welt im Detail voraussagen, aber wir können uns so organisieren, daß sie entsteht. Die menschliche Entwicklung ist das Produkt des Menschen. Das bleibt so, nur die Weise, wie das erfolgt, ändert sich. Und darin liegt der Richtungswandel.

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